Im Tod vereint

 

 

 

Wenn ich zurück­denke, ver­lief mein Leben gut, bis auf die­sen einen Feh­ler. War es über­haupt ein Feh­ler? Ich glaube nicht.

Mein Name ist Lisa und ich zähle mitt­ler­weile 87 Jahre. Also ein Alter, auf das man stolz sein sollte. Eine Sache gibt mir keine Ruhe. Die Mög­lich­keit dies zu kor­ri­gie­ren bleibt mir ver­wehrt. Gefes­selt in mei­nem Bett liege ich hier und ich weiß genau, dass meine Stunde gekom­men ist. Ein­zig die Erin­ne­rung ist mir geblieben.

Ich bin 1970 gebo­ren, aber soweit müs­sen wir nicht zurück. Vor sech­zig Jah­ren, oder so, wer weiß das noch genau. Das reicht.

Ich war eine attrak­tive Frau. Ich hatte blon­des Haar und eine glatte Haut, um die mich jeder benei­dete. Geseg­net mit einer Model­fi­gur wurde ich von den Leu­ten sogar fünf Jahre jün­ger geschätzt, wie ich war. Ich lachte viel, und wenn ich heute so zurück­denke, war dies der Grund, warum ich über­all beliebt war. Egal ob alt oder jung, ich kam, mit jedem zurecht. Natür­lich wusste ich auch, wie man den Jungs den Kopf ver­dreht, den­noch ver­folgte ich nie die Absicht, damit jeman­den zu verletzen.

Es war ein son­ni­ger Tag, der Duft von frisch gemäh­tem Gras und blü­hen­den Blu­men lag in der Luft. Es war der Geruch, wel­cher bei den Men­schen das Gefühl von Auf­bruch erweckte. Da sah ich ihn das erste Mal in sei­nen Blue­jeans und dem hell­grauen T-Shirt. Sein mit­tel­lan­ges schwar­zes Haar hing ihm ins Gesicht und seine stahl­blauen Augen, schie­nen zu leuch­ten. Er war nicht son­der­lich hübsch, aber auch nicht häss­lich, doch seine Aus­strah­lung war umwer­fend. Es war einer die­ser Men­schen, wel­che man sah und unbe­dingt ken­nen ler­nen wollte. Ich hatte das Glück mir ihm die Bekannt­schaft zu machen. Sein Name lau­tete Mar­kus und wir unter­hiel­ten uns an die­sem Tag präch­tig. Er befand sich genau auf mei­ner Wel­len­länge. Obwohl ich mich mit ihm nur ein paar Stun­den unter­hal­ten hatte, war ich hin und weg von ihm. Irgend­wie hatte er es geschafft, mir den Kopf zu ver­dre­hen. Ich denke, dass er es noch nicht ein­mal dar­auf ange­legt hatte. Die Art und Weise, wie er mit mir sprach, die ließ mich dahin­schmel­zen. Am nächs­ten Tag tra­fen wir uns aber­mals, doch mit einem bit­te­ren Beige­schmack. Mar­kus war nur zu Besuch bei Ver­wand­ten gewe­sen und er musste wie­der zurück. Es fiel mir schwer nicht in Trä­nen aus­zu­bre­chen, und als er sich ver­ab­schie­dete, ergriff ich die letzte Chance und küsste ihn. Er erwi­derte den inni­gen Kuss. Wärme durch­strömte mich. Er schloss mich fest in seine Arme und ich wollte, dass die­ser Moment eine Ewig­keit dau­erte. Ich war ver­liebt. Die­ses glück­li­che Gefühl ver­fiel, als er in das Auto stieg und fort­fuhr. Trä­nen stan­den in unse­ren bei­den Augen, damals hat­ten wir keine andere Möglichkeit.

Anfangs schrie­ben wir uns zwei­mal die Woche Briefe. Geschrie­bene Emo­tio­nen konn­ten schön sein. Aus zwei­mal wurde ein­mal und schließ­lich beschränkte sich der Kon­takt auf ein­mal im Monat. Bald war diese Liebe in Ver­ges­sen­heit geraten.

Ich lernte mei­nen Mann ken­nen und wir beka­men eine lieb­rei­zende Toch­ter. Ich hatte mein Glück erneut gefun­den. An Mar­kus dachte ich den­noch ab und zu, was eine gewisse Sehn­sucht in mir erzeugte. Diese unter­band ich mit der Beschäf­ti­gung zu Hause als Mut­ter. Zwi­schen­zeit­lich waren zehn Jahre ins Land gegan­gen, seit ich Mar­kus gese­hen hatte. Gedan­ken an ihn lagen in der Ver­gan­gen­heit. Zuviel war in mei­nem Leben passiert.

Eines Abends beschloss ich, mit ein paar Freun­din­nen aus­zu­ge­hen. Mit mei­nem Mann konnte ich nicht viel anfan­gen. Er bevor­zugte es, auf der Couch zu lie­gen und sich aus­zu­ru­hen. Was ich ihm nicht übel nahm, schließ­lich arbei­tete er hart und viel. Den­noch musste ich raus. Ich fühlte mich stel­len­weise ein­ge­sperrt und ich brauchte die Luft zu atmen.

Ich ging mit mei­nen Freun­din­nen in die Stadt und wir durch­streif­ten die Lokale. Wir amü­sier­ten uns köst­lich. Die Kneipe war gut gefüllt, und wie es eben bei uns Frauen ist, irgend­wann muss man auf die Toi­lette. Ich drückte mich durch die Menge, und als ich mein Ziel vor Augen hatte, spürte ich etwas Nas­ses auf mei­ner Bluse.

„Ent­schul­di­gen sie“, sagte ein Mann, der mir ver­se­hent­lich einen Drink über den Rücken geschüt­tet hatte. Ich drehte mich zu ihm um und mir stockte der Atem.

„Lisa? Bist du es wirk­lich?“

Es war Mar­kus, dem die­ses Miss­ge­schick unter­lief. Ihm stand eben­falls die Über­ra­schung ins Gesicht geschrie­ben. Nur das Schick­sal konnte sol­che Zufälle stricken.

„Was machst du den hier?“, sagte ich zu ihm.

„Ich wohne in der Stadt“, war seine Antwort.

Wir such­ten uns einen Tisch und unter­hiel­ten uns die ganze Nacht. Meine Freun­din­nen waren mitt­ler­weile nach Hause gegan­gen. Mar­kus erzählte mir, dass er schon seit neun Jah­ren in der Stadt lebte. Er sei ver­hei­ra­tet, was der Ring am Fin­ger unschwer ver­riet. Wir quatsch­ten, bis der Wirt uns aus dem Lokal bat, weil es schloss. Es war ein unbe­schwer­tes Gespräch, wel­ches ich sehr genoss, gerade weil mir wie­der jemand zuhörte. Die Mor­gen­luft hing vol­ler Sau­er­stoff und die Vögel zwit­scher­ten, als wir nach drau­ßen kamen. Wir beschlos­sen, noch spa­zie­ren zu gehen. Wir rede­ten unun­ter­bro­chen und es war ein herr­li­ches Gefühl. Mir frös­telte zwar, aber Mar­kus legte mir seine Jacke über die Schul­tern. Der Abend ging zu Ende. Wir tausch­ten die Num­mern aus. Ich dachte mir nichts dabei. Oder viel­leicht doch? Mit zwei Küss­chen auf die Wan­gen, zum Abschied gin­gen wir beide nach Hause.

Daheim kroch ich unter die Bett­de­cke, und obwohl mein Mann neben mir lag, konnte ich nur an Mar­kus den­ken. Es war so schön gewe­sen in die­ser Nacht, dass es mir nicht aus dem Kopf gehen wollte. Schließ­lich über­kam mich dann die Müdig­keit und ich schlief ein.

Gut gelaunt wachte ich an die­sem Tag auf und meine Laune ver­bes­serte sich, als ich auf mein Handy schaute und eine SMS von Mar­kus erkannte.

„Mir hat die letzte Nacht gefal­len. Es war schön dich wiederzusehen.“

Am liebs­ten wäre ich vor Freude gesprun­gen, aber ich beherrschte mich.

„Mir hat es auch gefal­len. Ich bin froh das ich dir über den Weg gelau­fen bin. ;-)“, war meine Ant­wort.

Dann soll­ten wir es wiederholen.“

„Lie­bend gerne.“

Wie sieht es bei dir am Sams­tag aus?“

Ich weiß noch, dass ich über­legte, ob ich die Ant­wort schi­cken sollte. Schnell drückte ich auf die Taste „Senden“.

„Wo sol­len wir uns treffen.“

Mein Mann war arbei­ten und meine Toch­ter bei ihren Groß­el­tern, als ich mich an die­sem Abend mit Mar­kus traf. Wir gin­gen gemüt­lich Essen und tran­ken Wein. Die Unter­hal­tung ver­lief ein­zig­ar­tig und wir schmach­te­ten uns gegen­sei­tig an. In unse­ren Augen brannte ein Feuer, wel­ches nicht mehr so ein­fach gelöscht wer­den konnte. Wir begehr­ten uns, doch nie­mand wollte sich dies zuerst ein­ge­ste­hen. Lange hielt es nicht an und es über­kam uns. Wir ver­fie­len in einen lei­den­schaft­li­chen Kuss und mein Bauch schien vol­ler Schmet­ter­linge. In mei­nem Kopf explo­dier­ten die Gefühle und die Liebe, wel­che ich damals ver­lo­ren hatte, kam wie­der auf. Wir küss­ten uns die ganze Nacht. Mein Kör­per über­zog sich mit Gän­se­haut, als er mit sei­nen gro­ßen, aber den­noch zar­ten Hän­den mei­nen Rücken strei­chelte. Mit Sehn­sucht ver­ab­schie­de­ten wir uns.

So ging dies über drei Monate und der Wunsch nach mehr wuchs und wuchs. Mein Mann bekam von alle­dem nichts mit. Wie auch? Er war ja nur auf der Arbeit.

So kam es, dass wir uns für ein Wochen­ende ein Hotel­zim­mer mie­te­ten. Die Liebe, die wir dort leb­ten, war außer­ge­wöhn­lich und unver­gess­lich. Wir gaben uns unse­ren Her­zen hin und es gab keine Gren­zen an die­sen zwei Tagen. Mar­kus war der Mann, wel­cher zu mir gehörte. Ich hatte noch nicht ein­mal ein schlech­tes Gewis­sen gegen­über mei­nem Ehe­mann. Zu schön waren die gemein­sa­men Stun­den mit Mar­kus. Ich ver­gesse nie die Küsse auf mei­nem Kör­per oder die Mas­sage mit sei­nen star­ken Hän­den, an Stel­len, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.

Es war eine Frage der Zeit, bis wir zusam­men sein wür­den. Doch aus irgend­ei­nem Grund pas­sierte dies nicht. Ich dachte es jeden Tag, gesagt habe ich es ihm nie.

„Ich liebe dich.“

So ein­fach wäre es mög­li­cher­weise gewe­sen. Aller­dings fehlte mir der Mut dazu. Genauso spürte ich, dass Mar­kus große Gefühle für mich emp­fand. Dies drückte er nie in Worte aus. Warum auch immer. Ehr­lich­keit in die­sen Momen­ten? Even­tu­ell hätte unsere Geschichte anders ausgesehen.

Wir beide hiel­ten an unse­ren Ehen fest, obwohl diese nor­ma­ler­weise zum Schei­tern ver­ur­teilt waren. Der Kon­takt riss ab. Bis heute ist kein Tag ver­gan­gen, an dem ich nicht mit Sehn­sucht an Mar­kus gedacht habe. Wir waren für­ein­an­der bestimmt und den­noch leb­ten wir zwei ver­schie­dene Leben.

Obgleich wir nur ein paar Kilo­me­ter von­ein­an­der ent­fernt wohn­ten, begeg­ne­ten wir uns nie wie­der. Jede Hoff­nung, die ich hatte, wenn ich in der Stadt war und ihm viel­leicht über den Weg lief, war ver­ge­bens. Ich sehnte mich nach ihm und ich glaube ganz fest daran, dass es ihm nicht anders ging. Ich liebte ihn und ich ärgere mich, dass ich es ihm nie gesagt hatte. Auch wenn er diese Liebe nicht erwi­dert hätte. So müsste ich heute nicht die Last tra­gen, nicht zu wis­sen, ob er genauso empfand.

Mein Mann starb vor vier Jah­ren und ich trau­erte schwer um ihn. Ich hatte immer zu ihm gehal­ten. Ich war stets loyal. Dies machte auch den Unter­schied, denn die Loya­li­tät zu mei­nem Mann war noch lange keine Liebe. Ich dachte, dass ich ihm ver­pflich­tet sei, da er auch viele Opfer gebracht hatte. Aller­dings gehörte ich zu einem anderen.

Vor drei Jah­ren hörte ich dann, dass Mar­kus gestor­ben war und es bestürzte mich sehr. Ich weinte viel und bedau­erte, dass wir beide ein Leben geführt hat­ten, wel­ches nicht für uns bestimmt war.

Jetzt liege ich in mei­nem Ster­be­bett und Frage mich, ob ich ein fal­sches Leben geführt habe.

Aber nein, das habe ich nicht. Meine Toch­ter sitzt am Bett und strei­chelt mir behut­sam durch das Haar. Ihr trau­ri­ges Lächeln scheint danke zu sagen.

Danke, dass ich für sie da war. Ich für mei­nen Teil kann dank­bar sein, dass meine Toch­ter eine solch statt­li­che Frau gewor­den ist. Mit die­sen Gedan­ken öff­net sich mir ein wei­ßer Tun­nel. Am Ende erbli­cke ich ein hel­les Licht und da sehe ich ihn. Die Liebe mei­nes Lebens und ich kann es ihm end­lich sagen.

„Ich liebe dich.“