Hänsel und Gretels Rache

 

Die sil­ber­grauen Augen schau­ten durch einen Spalt in den spär­lich beleuch­te­ten Gang. Zwei Fackeln waren ein­deu­tig nicht aus­rei­chend um die­sen Flur zu beleuch­ten. Hän­sel war es egal. Er konnte am Tag genauso in der Nacht sehen. Über Jahre hin­weg trai­nierte er die Augen und den Kör­per für die­sen Tag. Ein Zeit­raum, indem er nicht ver­gaß, was vor­ge­fal­len war. Stän­dig wachte er schweiß­ge­ba­det auf, weil er davon träumte. Wie­der und wie­der sah er sie vor sei­nem geis­ti­gen Auge. Die Hexe. 
In jener Zeit nahm sie, ihn und seine Schwes­ter Gre­tel gefan­gen und sperrte sie in ihr Leb­ku­chen­haus. Die häss­li­che Alte mit einer echt dicken behaar­ten Warze auf der Nase wollte ihn mäs­ten, damit sie ihn essen konnte. Gre­tel, die als Dienst­magd bei ihr diente, ret­tete ihn. Als das alte Weib in einen unge­ach­te­ten Moment den Ofen anheizte, ver­suchte Gre­tel sie in die­sen zu sto­ßen. Bei die­sem Ver­such, der leicht miss­glückte, schaffte die Hexe es mit extre­men Ver­bren­nun­gen zu ent­kom­men. Gre­tel ver­brannte sich eben­falls schwer bei dem Vor­ha­ben. Hän­sel pflegte sie in der Folge und gemein­sam beschlos­sen sie Rache zu neh­men. Es war bei wei­tem nicht so ein­fach, wie in ihrer Vor­stel­lung. Die Hexe war unter­ge­taucht. 
Hän­sel und Gre­tel ver­brach­ten Jahre damit, sie zu suchen. Man muss sagen, dass sie sich jede Menge Mühe gab, um uner­kannt zu blei­ben. Zumin­dest für die ers­ten Jahre. Aber bald wuchs die Gier nach Kin­dern an und sie beging Feh­ler. So ent­deck­ten sie die Hexe in einem Land­strich, wo es viele ver­misste Buben und Mäd­chen gab. Tief in einem Wald, wo nie irgend­wel­che Men­schen vor­bei­ka­men, hatte sie ein neues Obdach gebaut. Mit dem Leb­ku­chen­haus, von einst in nichts zu ver­glei­chen. Ein Leb­ku­chen­schloss war ihr Heim. Die Zin­nen bestan­den aus Block­scho­ko­lade und die Dächer aus roter Zucker­gla­sur. Die Fens­ter­bänke wie auch die Umran­dung der Fens­ter zier­ten wei­ßer Bai­ser.
Hän­sel und Gre­tel erkun­de­ten alles. Sie erkann­ten, dass die gan­zen ver­schol­le­nen Kin­der in dem Schloss einer Auf­gabe nach­gin­gen und dies nicht frei­wil­lig. Sie befan­den sich in einer Art Trance. Man­che lie­fen Patrouille, andere put­zen oder koch­ten. Die Hexe beka­men Hän­sel und Gre­tel nicht vor die Augen, aber sie spür­ten, dass sie dort hauste. Sie fin­gen an Pläne zu schmie­den und jetzt war die Zeit gekom­men.
Hän­sel öff­nete den Lüf­tungs­schacht, in dem er sich ver­steckt hielt und trat in den Kor­ri­dor. Er war zu einem statt­li­chen Mann her­an­ge­wach­sen, dem das braune Haar ins Gesicht hing. Ein Bart ließ ihn erwach­se­ner wir­ken, als er in Wirk­lich­keit war. Er trug einen dun­kel­grauen Umhang, deren Kapuze sein wah­res Aus­se­hen ver­barg. Unter die­sem Man­tel ver­steckte er zwölf Dol­che, die alle in einem Hal­ter fixiert waren. Flink wie eine Katze bewegte er sich über den Boden. Fast eine Stunde beob­ach­tete er den Flur und bemerkte das die Kin­der in die ein und die­selbe Rich­tung gin­gen. Für ihn war es ein kla­rer Fall, dass er dort die Hexe vor­fand. Der Gang bog in einer lang­ge­zo­ge­nen Kurve nach rechts, so dass Hän­sel nichts im gerings­ten erken­nen konnte, was ihn erwar­tet. Trotz alle­dem zügelte er die Geschwin­dig­keit nicht. Er rannte wei­ter und unver­hofft befand er sich in einem Saal, der eben­falls nicht son­der­lich beleuch­tet war. Hän­sel bremst den Lauf ab und stand etwa hun­dert Kin­der gegen­über. Schein­bar hat­ten sich die Skla­ven der Hexe hier ein­ge­fun­den, um zu spei­sen, aber das war nur Neben­sa­che. Aus­nahms­los alle dreh­ten sich zu ihm um und schau­ten ihn mit lee­ren Augen an.
„Oh ver­dammt!“, fluchte er und tau­melte nach hin­ten.
Die Kin­der spran­gen sofort auf und lie­fen auf ihn zu. Sie mach­ten zwar jeder­zeit einen schläf­ri­gen Ein­druck bei ihren Beob­ach­tun­gen, aber jetzt sah Hän­sel, wie flink sie sich beweg­ten. Er floh, so geschwind es ging den Gang zurück.
„Nie­mand hat mir gesagt, dass die so schnell sind“, sagte er und sah neben sich die ers­ten Ver­fol­ger. Mit einem gekonn­ten Schlag schal­tete er, einen aus. Die Stille, in der diese Jagd statt­fand, mutete etwas Gespens­ti­ges an. Kei­nes der Kin­der gab auch nur ein Geräusch ab. Hän­sel mobi­li­sierte erneut alle Kräfte und schaffte es einen Abstand zwi­schen sich und die Bäl­ger zu brin­gen. Der Atem ging schwer und die Beine brann­ten, da sah er eine Tür. Sofort hech­tet er dort­hin und öff­nete sie. 
„Dort kön­nen sie nur nach­ein­an­der durch­kom­men“, dachte er und erkannte den even­tu­el­len Vor­teil.
Der Raum lag in Dun­kel­heit und Hän­sel beschloss sich direkt neben der Tür, zu posi­tio­nie­ren. Im Schat­ten ver­schmolz er fast mit der Düs­ter­nis. Ohne ihn zu sehen, lie­fen die ers­ten Kin­der hin­ein, und als er das bemerkte, kam ihm eine Idee. Er war­tet ab, bis alle in die Räum­lich­keit gelau­fen waren. Dar­auf­hin ver­ließ er den Raum und schloss die Tür. Mit meh­re­ren Dol­chen ver­bar­ri­ka­dierte er die Tür, so dass ein leich­tes Ent­kom­men nicht mög­lich war. Damit hatte er die Kin­der aus dem Weg ohne eines davon zu ver­let­zen. 
Hän­sel ging zurück. Er kam in den Saal, wo zuvor die Skla­ven der Hexe geges­sen hat­ten. Die Bänke und Tische bestan­den eben­falls aus Leb­ku­chen, sowie das ganze Mobi­liar. Der Geruch war unver­kenn­bar, da spiel­ten der Zucker­guss und die ande­ren süßen Ver­zie­run­gen keine Rolle. Der Leb­ku­chen über­spielte alles. Seit den Tagen im Leb­ku­chen­haus ließ die­ser Duft in ihm Übel­keit ent­ste­hen. Er trat eine Treppe hin­auf, deren Gelän­der aus Zucker­stan­gen bestand. Die Hexe wusste, was ver­füh­re­risch für Kin­der war. Am Trep­pen­ende führte es erneut in einen Flur und dort zeigte sich ihm eine dop­pel­flü­ge­lige Tür, die mit Mar­zi­pan­ro­sen ver­ziert war. Noch bevor er das Por­tal öff­nen konnte, öff­nete es sich von selbst. Dahin­ter sah man einen Thron­saal, der im Ver­gleich mit den ande­ren Räum­lich­kei­ten hell daher­kam. Eine Kup­pel aus Zucker­glas ließ die Sonne ins Schloss. Vor dem Thron erkannte Hän­sel sie.
Obwohl nicht die Alte häss­li­che von einst vor ihm stand. Ihre Zau­be­rei hatte sie ver­än­dert. Sie trug blon­des wal­len­des Haar und ihr Gesicht glich einem Gemälde. Ein eng­an­lie­gen­des Kleid zeigte die frau­li­chen Kur­ven und Hän­sel kam nicht umher, bei die­sem Anblick Lust zu ver­spü­ren. Nichts­des­to­trotz sam­melte er sich recht schnell.
„Na, wenn das Mal nicht der kleine Junge von damals ist“, sagte sie mit einer ver­lo­cken­den lieb­li­chen Stimme. 
Hän­sel wusste im ers­ten Moment nicht, was er sagen sollte. Er zog einen Dolch. Die Hexe lächelte ver­füh­re­risch und ging auf ihn zu.
„Du willst doch einer solch fabel­haf­ten Frau wie mir, nichts etwas antun?“
„Ich weiß, wie du im Inne­ren aus­siehst“, sagte Hän­sel, doch die ele­gan­ten Kör­per­be­we­gun­gen von ihr, lie­ßen ihn nicht klar den­ken. Ihre Hüf­ten beweg­ten sich hin und her. Hän­sel ver­spürte erneut Lust. Kurz vor ihm blieb sie ste­hen. Blü­ten­duft umschwang ihn und er ver­lor die Kon­trolle. Sie fasste ihn mit den zar­ten Hän­den an seine und drückte leicht den Dolch nach unten.
„Es wäre eine Schande hier zu kämp­fen“, sagte sie und näherte sich mit ihrem Kopf. Mit der ande­ren Hand strei­chelte sie ihm über die Brust und glitt wei­ter nach hinab.
„Wir könn­ten so viele wun­der­bare Dinge tun“, hauchte sie aus ihrem Mund und ihre Lip­pen näher­ten sich denen von Hän­sel. „Gib mir einen Kuss und alles wird gut.“ 
Kaum noch ein Blatt passte zwi­schen die bei­den.
„Ent­schul­di­gung das ich Störe, aber da habe ich was ein­zu­wen­den“, hörte man eine Frau­en­stimme. Die Hexe drehte sich über­rascht um und Hän­sel kam wie­der zu sich.
„Du?“
„Ja ich!“, sagte Gre­tel. 
Sie trug einen schwar­zen Leder­man­tel. Das schwarze lange Haar war zum Teil ins Gesicht fri­siert, womit sie die Brand­nar­ben ver­deckte. 
„Bist aber nicht die Schön­heit gewor­den, die ich ver­mu­tet hätte“, bemerkte die Hexe spitz. 
„Auf­grund des­sen habe ich aber eine harte Linke“, sagte Gre­tel. Ohne Vor­war­nung schlug sie ihr die Faust ins Gesicht, so dass die sie zu Boden ging.
„Oh Schätz­chen du weißt immer noch nicht, mit wem du dich anlegst“, sagte die Hexe, der Blut über die Lip­pen rann. 
„Das weis ich genau“, sagte Gre­tel und holte zu einem Tritt aus. 
Zu ihrer Über­ra­schung blockte sie ab. Zwi­schen den bei­den Frauen ent­brannte ein Kampf, der alle Facet­ten eines Zusam­men­sto­ßes auf­wies. Gre­tel ließ gekonnte Schläge auf ihr gegen­über nie­der. Jedoch kon­terte die Hexe gewandt. Ohne Gnade tobte der Kampf zwi­schen den Zwei. Hän­sel schaute sich das Gefecht an und bewun­derte das Kön­nen der bei­den. Des­sen unge­ach­tet war die Zeit gekom­men, der Hexe end­lich das Hand­werk zu legen. Er sprang in das Kampf­ge­sche­hen und setzte einen Bein­fe­ger bei der ihr an. Sie war so über­rascht von die­sem Tritt, dass sie nach hin­ten fiel und voll mit dem Kopf auf­schlug. Sie ver­lor ihr Bewusst­sein. 
Hän­sel und Gre­tel nutz­ten dies, um sie am Thron zu fes­seln. Gre­tel nahm eine Was­ser­fla­sche, wel­che sie bei sich trug, und ergoss sie über die Bewusst­lose. Ein Geruch von Petro­leum ver­brei­tete sich ihm Saal. Ein lei­ses Stöh­nen ließ erken­nen, dass die Hexe zu sich kam.
„Was habt ihr vor?“, sagte sie leise, aber den­noch bedroh­lich.
„Wir möch­ten auf unsere Art und Weise dir Dank aus­spre­chen. Für, dass was wir damals erlebt haben“, sagte Gre­tel und nahm die Haare aus dem Gesicht. Die eine Hälfte war von Brand­nar­ben über­sät. Aus dem Auge lief Trä­nen­flüs­sig­keit, aber nur weil sie es nicht mehr rich­tig schlie­ßen konnte.
„Siehst du was du mir ange­tan hast?“
„Also Schätz­chen muss ich dich erin­nern, dass du mich in den Ofen sto­ßen woll­test“, sagte die Hexe unschul­dig.
„Du wol­lest mei­nen Bru­der essen“, schrie Gre­tel sie an.
„Ja und ver­damm mich, der hätte bestimmt lecker geschmeckt.“
Gre­tel ließ die Faust in ihr Gesicht kra­chen, so dass das Nasen­bein brach. Unbe­ein­druckt lachte sie Hexe und spukte Blut aus.
„Was habt ihr jetzt vor? Ihr seit zu jener Zeit geschei­tert und ihr wer­det dies­mal erneut ver­sa­gen. Ihr könnt mich ein­fach nicht töten.“
„Das wis­sen wir“, sagte Hän­sel. „Aber nimm ein­mal den Geruch hier wahr.“
Er atmete tief durch die Nase ein. „Ach ich ver­gaß, deine gebro­chene Nase lässt es nicht zu das du rie­chen, kannst. Es riecht hier nach Petro­leum und rein zufäl­lig trie­fen deine Klei­der davon.“
Die Hexe riss ihre Augen weit auf, doch bevor sie was sagen konnte, sprach Hän­sel.
„Und rein zufäl­lig ist Feuer die ein­zige Schwach­stelle von einer Hexe“, sagte er und brei­tet die Arme aus. Angst stand in ihren Augen, als sie ihre aus­sichts­lose Situa­tion erkannte. 
„Noch ein letz­tes Wort?“, fragte Hän­sel und griff in seine Tasche um einen Zigar­ren­stum­mel zum Vor­schein zu holen.
Dies blieb der Hexe aber ver­wehrt, denn Hän­sel ent­schloss sich anders. Mit einem Streich­holz zün­dete er die Zigarre an. „Was für ein Quatsch! Letz­tes Wort.“ 
Er schnippte das Zünd­holz auf die Hexe, die sofort in Flam­men auf­ging. Unter den elen­den Schreien von ihr ver­lie­ßen Hän­sel und Gre­tel den Thron­saal.
„Es geht doch nicht über eine Zigarre, nach einem Kampf“, sagte Hän­sel und gönnte sich einen tie­fen Zug. Gre­tel lachte zufrie­den. Gemein­sam befrei­ten sie die Kin­der, von denen der Fluch der Hexe genom­men war und end­li­che leb­ten sie in Ruhe und Frie­den. 
Wenn sie nicht gestor­ben sind, dann töten sie heute noch Hexen.