Das Horusamulett

Copyright by Michaela Giuliani

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​Die Besu­cher­gruppe ging durch das Museum ange­führt von ihrem Rei­se­lei­ter. Es waren die kli­schee­haf­ten Urlau­ber ver­tre­ten, die man sich vor­stel­len konnte. Ein dicker Mann mit wei­ßem Unter­hemd und einer roten Haut­farbe, die sofort zeigte, dass ihm das Ein­cre­men miss­fiel. Oder eine japa­ni­sche Fami­lie, deren Vater mit einer Nikon D3200 SLR-Digitalkamera jede Per­spek­tive zehn­mal foto­gra­fierte. Die Sippe mit zwei Jungs, die sich so lang­weil­ten, dass sie nur Unsinn im Kopf hat­ten und der Vater und die Mut­ter mit den Ner­ven völ­lig am Ende waren, fehl­ten selbst­ver­ständ­lich auch nicht.
„Das ist der Sar­ko­phag von Men­tu­ho­tep“, sagte der Füh­rer und die Tou­ris­ten dräng­ten sich vor Sarg. Die Digi­cams klick­ten unun­ter­bro­chen, unge­ach­tet das es nicht erlaubt war. Doch die­ses Relikt konnte keine Geschichte erzäh­len, es war ein­fach ein Bestat­tungs­in­stru­ment und mehr nicht. Statt­des­sen lag hin­ter ihnen in einem Schau­kas­ten ein Amu­lett des Horus-Falken, bloß hier­für inter­es­sierte sich nie­mand. Obwohl die Geschichte dahin­ter hätte, sie in ihren Bann gezogen.

Prin­zes­sin Xhe­mile ergriff das Horus-Falkenamulett und küsste es sanft.
„Ich liebe dich für immer“, flüs­terte sie kaum ver­nehm­bar. Trä­nen lie­fen ihr die Wan­gen hinab. Das Licht einer Fackel erhellte nur spär­lich die Dun­kel­heit. Sie kniete auf einem san­di­gen Boden und um sie herum war alles mit Blocksand­stei­nen gemau­ert. Knapp einen Meter war die­ses Grab aus­ge­ho­ben und eine Sand­stein­platte ver­sperrte den Weg nach oben.
„Wie konnte es nur so weit kom­men?“, dachte sie und erin­nerte sich an den Tag, als sie Nahil das erste Mal sah.
Es war ein wun­der­schö­ner und hei­ßer Tag, die Sonne schien von dem hell­blauen Him­mel hinab und Xhe­mile ver­trieb sich die Zeit mit Freun­din­nen an einem gro­ßen läng­li­chen Brun­nen. Gerne hielt sie sich in den Gär­ten des Palas­tes auf, wo Gra­nat­ap­fel­bäume ihre Frucht dar­bo­ten, Hibis­kus ein Far­ben­spiel mit der Blü­ten­pracht zeigte und die Lotus­blu­men ihre unver­kenn­bare Schön­heit aus­spiel­ten. Sie ließ die Füße im Was­ser bau­meln. Die Mäd­chen tuschel­ten und kicher­ten vor sich hin, bis Xhe­mile Nahil erblickte. Er war ein neuer Die­ner im Palast, vor­her hatte sie ihn noch nie gese­hen, denn solch ein Typ wäre ihr unver­züg­lich auf­ge­fal­len. Er trug einen lan­gen wei­ßen Schurz und die kup­fer­far­bene Haut sei­nes mus­ku­lö­sen Ober­kör­pers glänzte in der Sonne vom Schweiß, was Xhe­mile sehr rei­zend fand. Die man­del­för­mi­gen Augen waren stahl­blau und das ver­zau­berte sie noch mehr. Sie konnte kaum den Blick von ihm abwen­den und er erwi­derte die­sen mit einem kur­zen Lächeln. Xhe­mile wurde es sofort heiß um den Brust­korb herum. Nahil hatte in ihr Sehn­süchte geweckt, die sie zuvor nie ver­spürte, aber er war ein Die­ner und aus die­sem Grund ver­suchte sie, ihn schleu­nigst zu ver­ges­sen. Das gelang für die erste Zeit mühe­los, bis sie eines Mor­gens im Palast um eine Ecke bog und mit Nahil zusam­men­stieß.
„Ich bitte viel­mals um Ent­schul­di­gung, Prin­zes­sin“, sagte er vol­ler Ehr­furcht und half ihr auf die Beine.
„Kannst du nicht bes­ser …“, sie blickte in die­sem Moment in Nahils Augen und war erneut hin und weg. Jetzt erkannte sie, mit wem sie zusam­men­ge­sto­ßen war. Er stand so nahe, an ihr das sie die Kör­per­wärme spürte und einen süß­li­chen Geruch ver­nahm, wel­chen Nahil von sich gab. Ihr Herz raste und ihre Hände wur­den vor Erre­gung feucht.
„Du?“, stot­terte sie und schaute ihn fast ver­träumt an.
„Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht weh­tun“, ent­schul­digte er sich.
„Es ist ja nichts pas­siert. Wie war noch dein Name?“
„Nahil, Prin­zes­sin.“
„Du brauchst mich nicht Prin­zes­sin zu nen­nen, Nahil. Mein Name ist Xhe­mile.“ Sie rieb sie die Klei­dung glatt. „Begleite mich ein Stück.“ 
Der Die­ner tat wie ihm gehei­ßen.
„Sag woher kommst du Nahil?“
„Ich bin Wai­sen­kind und wurde im Horus Tem­pel von den Pries­tern erzo­gen. Sie waren immer gütig mit mir und so fand ich auch zu Horus.«
»Also bis du ein gläu­bi­ger Mann?«
»Ich bete zu Horus und das ist mein Glaube, aller­dings ein Pries­ter will ich nicht wer­den.«
»Wes­halb möch­test du das nicht?«, fragte Xhe­mile und auf irgend­eine Art und Weise war sie erleich­tert, dies zu hören.
»Ich habe größ­ten Respekt vor den Pries­tern«, er griff nach einem Amu­lett, wel­ches den Horus­fal­ken zeigte. »Aber ich müsste auf zu viel ver­zich­ten.«
»Und das wäre?«
»Eine Frau, die einen lie­be­voll begrüßt, wenn man von der Arbeit kommt. Kin­der, die einem am Bein hän­gen und spie­len wol­len. Ein eige­nes Heim, was ich noch nie hatte. Spä­ter ein­mal möchte ich in den Armen mei­ner Liebs­ten ster­ben und dann weiß ich das mein Leben erfüllt war.«
Die Prin­zes­sin war hin und weg, als Nahil alles erzählte und sie träumte vor sich hin. Warum auch immer sie wollte, ihn Küs­sen. 
»Ist alles in Ord­nung?«, fragte Nahil, da er merkte, das Xhe­mile geis­tig abwe­send war.
»Oh ja«, sagte sie, als hätte man sie aus einem Sekun­den­schlaf geweckt. »Sag mir gibt es diese Frau schon?«
»Nein die gibt es nicht, aber even­tu­ell finde ich sie bald.« Er blickte ihr tief in die Augen und sie ver­lor sich darin. Ihre Köpfe rück­ten ste­tig näher und wärme schoss ihr ins Gesicht. Kurz bevor sie sich küss­ten, hör­ten sie.
»Xhe­mile wo bist du?« 
Es war ihr Vater. Sie schreckte zurück und lief rot an.
»Ich muss weg«, sagte sie knapp und wollte weg­lau­fen.
»Warte!«, flüs­terte Nahil und streifte das Amu­lett ab. »Hier nimm dies es soll dir Glück brin­gen.«
»Und was ist mit dei­nem Glück?«
»Solange ich im Palast bin, ist mein Glück ganz in der Nähe.« Er lächelte sie an und Xhe­mile hüpfte das Herz.
»Xhe­mile wo bist du?«, dies­mal war der Ton noch schrof­fer. Ohne wei­tere Worte lief die Prin­zes­sin zu ihrem Vater.
»Was hast du da gemacht?«, sprach ihr Vater barsch.
»Ach nichts Vater ich habe einen Ring von mir gesucht, denn ich ver­lo­ren habe«, beschwich­tigte sie ihn.
Die nächs­ten Wochen mied Xhe­mile Nahil, weil sie wusste, was ihm blühte, falls sie sich auf­ein­an­der ein­lie­ßen. Solch ein Schick­sal wollte sie ihm erspa­ren und so drehte sie immer gleich um, wenn sie ihn ansatz­weise sah. Nahil machte ebenso keine Anstal­ten, dies wäre zu offen­sicht­lich gewe­sen. 
Die Prin­zes­sin hatte fast damit abge­schlos­sen, bis sie ihn eines Abends noch ein­mal traf. Sie saß im Palast­gar­ten und genoss den Blick in die Sterne. Im Brun­nen spie­gelte sich die Sichel des Mon­des und Gril­len zirp­ten in den Gebü­schen. Die Ruhe der Ein­sam­keit war ein­zig­ar­tig herr­lich. Sie hatte nach ihrem Die­ner geru­fen, der ihr etwas Erfri­schen­des zu trin­ken brin­gen sollte, doch zu ihrer Über­ra­schung stand Nahil mit dem Getränk vor ihr, obwohl er nicht dafür zustän­dig war.
»Was machst du hier?«, fragte sie einer­seits scho­ckiert, aber auch ent­zückt. Ihr Herz­schlag hatte sich in die­sem Moment ver­dop­pelt.
»Ich habe einen neuen Bereich.« Er reichte ihr den Becher mit ent­täusch­ter Miene.
»Was ist mit dir?«, wollte sie wis­sen, schließ­lich ver­misste sie das unver­gleich­li­che Lächeln.
»Warum hast du mich gemie­den?«, flüs­terte er, ohne zu zögern.
»Wes­halb sollte ich das? Ich bin die Prin­zes­sin und habe das nicht nötig.« Der zweite Satz tat ihr bereits leid, bevor sie ihn aus­sprach, denn sie begehrte ihn auf eine beson­dere Art und Weise. Ihr ver­stand sagte »Nein«, aber das Herz sagte »JA«.
»Ich dachte, du bist Xhe­mile eine hüb­sche, begeh­rens­werte und intel­li­gente Frau. Eine Prin­zes­sin, die sich nicht vor­schrei­ben lässt, was sie zu tun hat nur um die Eti­kette zu wah­ren«, sprach Nahil und blickte sie fast hyp­no­ti­sie­rend an.
Er hatte den Nagel auf den Kopf getrof­fen und Xhe­mile stand vol­ler Erre­gung auf. Ihr Herz pochte, was man unver­kenn­bar am Hals erkannte. Sie ver­lor sich in den Augen von Nahil, als würde sie in die unend­li­chen Wei­ten des Welt­alls flie­gen. Er lächelte sie zart an und sie warf sich ihm sofort um den Hals. Sie küss­ten sich und ihr Kopf schien sich zu dre­hen. Es war atem­be­rau­bend und sie ver­gaß die Kon­se­quenz, was ihnen blühte, wenn man sie hier­bei sah. Sie strich mit ihren Hän­den über seine mus­ku­löse Brust und glitt zum Bauch, der eben­falls kein fett zeigte. Die Haut fühlte sich geschmei­dig und straff an. Hitze wallte in ihr auf, als Nahil sanft ihr Schlüs­sel­bein lieb­koste. Sie stöhnte leise auf, drückte ihn von sich, was ihn leicht ver­wun­derte. Sie zog ihr Gewand aus, indem sie die Trä­ger des Klei­des von den Schul­tern streifte. Sie stieg ver­füh­re­risch in den Brun­nen und wies Nahil mit einem Wink des Zei­ge­fin­gers an ihr zu fol­gen. Das kühle Nass des Was­sers ver­mochte es nicht ihre Begierde ein­an­der zu mini­mie­ren. Sie gaben sich voll und ganz der Liebe hin und die Ekstase erreichte fast ihren Höhe­punkt, als mit einem Schlag alles vor­bei war. Jemand riss Xhe­mile an den Haa­ren von Nahil run­ter und mit Schre­cken erkann­ten sie ihren Vater, der mit sei­ner Leib­garde am Rand stand.
»Du bist meine Toch­ter und nicht irgend­eine Hure«, brüllte er vol­ler Wut und ließ die fla­che Hand auf das Gesicht von ihr kra­chen. Eben noch auf dem Gip­fel der Gefühle befand sich Xhe­mile nun auf dem Tief­punkt.
»Bringt mir die­sen Hun­desohn hier­her«, befahl er sei­ner Leib­wa­che und sie zogen Nahil eben­falls aus dem Was­ser. Nackt, wie Gott ihn schuf, kniete er vor sei­nem Herrn. 
»Du hast es gewagt meine Toch­ter zu ent­eh­ren«, schrie er und trat ihm ins Gesicht. Sofort platze Nahil der Kopf auf und stöh­nend ging er zu Boden. Xhe­mile weinte bit­ter­lich.
»Hal­tet ihn fest!«, sagte er und nahm sich ein Schwert von der Leib­garde. Diese hiel­ten Nahil vorne über­ge­beugt an den Armen und Xhe­mi­les Vater brauchte einen Hieb, um ihm den Kopf abzu­tren­nen. Die Prin­zes­sin kreischte vor Ent­set­zen.
»Hör auf zu wei­nen du Hure«, ein wei­te­rer Schlag traf sie, so dass sie das Bewusst­sein ver­lor. Sie ver­nahm nur noch diese Worte, «du bist nicht mehr meine Toch­ter«, dann war sie weg von jeg­li­cher Gedan­ken­welt. Der Sturz in eine Grube ließ sie wie­der zu sich kom­men. Knapp einen Meter tief lag sie darin und ihr Vater stand über ihr. Er hielt eine Fackel in der Hand und blickte mit Abscheu und Ent­täu­schung auf sie hinab. Das Fla­ckern des Lich­tes ließ ihn erschre­ckend Böse aus­se­hen.
»Du warst meine Toch­ter und hast mein Haus ent­ehrt. Ich werde dir deine gerechte Strafe geben und um deine ver­lo­rene Seele beten.«
Er warf die Fackel zu ihr und jetzt erst sah sie die Leib­garde, wie sie eine Sand­stein­ta­fel auf die Öff­nung der Grube setzte. Stille trat ein und Xhe­mile dachte nur an Nahil. 
»Das war nicht unser Schick­sal«, ging ihr durch den Kopf, als neben ihr das Feuer aus­ging. 
In der Dun­kel­heit über­kam sie stets mehr die Müdig­keit und schließ­lich fie­len ihr die Augen zu.
Glei­ßend hel­les Licht weckte sie auf und Xhe­mile schaute in das blaue Him­mels­ge­wölbe, das keine Wolke zuließ. Wer hatte sie geret­tet? Mit der Hand vor dem Gesicht, da ihre Augen die Fins­ter­nis gewohnt waren, blickte sie hin­aus und erspähte einen Schat­ten am Him­mel, der ste­tig wuchs, bis sie ihn erkannte. Ein rie­si­ger Falke kam auf sie zuge­flo­gen und auf des­sen Rücken sah sie Nahil, der sein zau­ber­haf­tes Lächeln zeigte. In die­sem Moment wusste sie, dass sie von nun an für immer ver­eint waren.