Einsame gemeinsame Weihnachten

 

Copyright by Michaela Giuliani

Copy­right by Michaela Giuliani

Die Sterne erhell­ten die Nacht und von wei­tem hörte man Glöck­chen, die in rhyth­mi­schen Ton erklan­gen. Die Lande waren über­deckt mit Schnee, was der Dun­kel­heit ent­ge­gen­spielte. Das Klin­geln wurde immer­fort geräusch­vol­ler und mit einem Mal sah man sie. Neun Ren­tiere, eins als Anfüh­rer und die ande­ren paar­weise neben­ein­an­der. Jedes von ihnen trug um den Hals eine Glöck­chen­kette, die auf selt­same Art und Weise Weih­nachts­me­lo­dien klim­per­ten. Sie zogen mit ver­ein­ter Kraft einen gigan­ti­schen Schlit­ten, obwohl man sich fragte, wie sie das schaff­ten. An den Zügel befand sich unver­kenn­bar der Weih­nachts­mann. Der Weih­nachts­schlit­ten war in Rot gehal­ten und die Rän­der bestan­den aus wei­ßem Saum, der aus­sah wie Wol­ken­fet­zen. Die Kufen schim­mer­ten gol­den und wirk­ten ver­spielt, da sich jede Menge Ver­schnör­ke­lun­gen dar­bo­ten. Das kom­plette Gefährt schien von Ster­nen­staub umhüllt und bot somit ein impo­san­tes Bild. Der Hügel, den sie hoch­schos­sen, diente als Sprung­schanze und der Schlit­ten flog in die Höhe gefolgt von einem »Hoho­hoho«, des Weih­nachts­man­nes. Er hatte her­vor­ra­gende Laune, zu guter Letzt hatte er alle Geschenke ver­teilt und jetzt stand der Urlaub vor der Tür. Wer ist bei sol­chen Aus­sich­ten nicht bes­tens gelaunt. Am Abend fand die all­jähr­li­che Weih­nachts­feier mit sei­nen Elfen statt und dann würde er mit sei­ner Frau in den Süden fah­ren, um zu ent­span­nen. Wer konnte das nicht bei ein paar Pina-Coladas und Son­nen­schein?
»Mein guter But­ter­creme, in der Tat haben wir es geschafft und ich hoffe, du hast etwas für die Zukunft gelehrt«, summte fast melo­disch der Weih­nachts­mann. In die­sem Moment erst erkannte man, das noch ein Elf neben ihm saß.
Der kleine Spitz­bart in sei­nem Gesicht war hart gefro­ren, aber dies schien das Ein­zige zu sein, wel­ches von der Kälte berührt war. Seine Wan­gen strahl­ten eine rosige Wärme aus und über sei­nen Mund kam ein zufrie­de­nes Lächeln.
»Das habe ich Chef«, ant­wor­tete er glück­lich, denn am Abend zuvor hätte er bei­nahe Weih­nach­ten ver­hin­dert, doch der Weih­nachts­mann hatte ihm die Augen geöff­net. Was bedeut­sa­mer war, er hatte But­ter­creme ver­zie­hen und ihn mit­ge­nom­men, damit er ihm zur Hand gehen konnte.
»Dann ist ja gut. Jetzt freue ich mich auf eine geschmack­volle warme Scho­ko­lade und ein paar Plätz­chen.«
Der Weih­nachts­mann trieb seine Ren­tiere noch ein­mal an und nach die­sem End­spurt, erkannte man das Fach­werk­haus mit sei­nen unzäh­li­gen Schorn­stei­nen. Qualm quoll kei­ner mehr raus, was ohne Zwei­fel daran lag, dass das Weich­nachts­ge­schäft für die­ses Jahr been­det war. Bei der Ein­fahrt zum Haus wog das Schild, »Am Nord­pol 1«, sich sanft im Wind. Wie jedes Jahr wurde der Weih­nachts­mann von allen sei­nen Hel­fern, mit schal­len­dem Jubeln emp­fan­gen. Für But­ter­creme war dies außer­ge­wöhn­lich, wo er doch sonst bei sei­nen Freun­den gestan­den hatte und ihrem Chef zuge­ju­belt hatte.
»Hallo meine Freunde. Und aber­mals haben wir es geschafft, den Men­schen ein wun­der­schö­nes Weih­nachts­fest zu brin­gen. Dar­auf wird heute Abend gefei­ert.«
Alle Elfen jubel­ten noch lau­ter. Es gab nichts Schö­ne­res, wie die Weih­nachts­feier im Haus des Weih­nachts­man­nes.
But­ter­creme sprang vom Schlit­ten und suchte jeman­den Bestimm­tes, näm­lich Zucker­watte, eine für sei­nen Begriff bezau­bernde Elfe. Jedoch konnte er sie nir­gends ent­de­cken. Sofort hielt er einen Elf an.
»Kara­mell! Hast du Zucker­watte gese­hen?«
»Sie ist Holz holen gegan­gen«, ant­wor­tete Kara­mell selbst­ver­ständ­lich. »Sie müsste aber bald zurück sein.
But­ter­creme hasste, das Holz holen, doch für Zucker­watte hätte er die­ses über­nom­men. Er wusste, wo sie ankom­men würde, wenn sie zurück­kam, und lief dort­hin, um auf sie zu begrü­ßen. Das letzte Mal, als sie sich begeg­ne­ten, war er nicht ganz nett zu ihr und das wollte er mit einer Ent­schul­di­gung und einem selbst­ge­mach­ten Geschenk gut machen. Gedul­dig war­tete er auf der Zufahrt auf sie und spielte in der Hosen­ta­sche mit dem Geschenk. Aber sie erschien nicht und lang­sam machte er sich Sor­gen. Wo konnte sie nur sein? Er ging zu dem Holz­be­auf­trag­ten Elfen.
»Wie lange ist Zucker­watte schon weg?«
»Ich schätze mal vier Stun­den!«, ant­wor­tet der Elf und schien sich jetzt erst zu fra­gen, wo sie blieb.
»Das ist viel zu lange. Ich werde sie suchen gehen«, sagte But­ter­creme ent­schlos­sen.
Er band sechs Schnee­füchse vor einen Schlit­ten, zog sich ruck, zuck den dicken Pelz über und machte sich auf die Suche nach Zucker­watte. Er trieb die Füchse schnellst­mög­lich an, schließ­lich wuchs die Sorge um seine Freun­din mit jeder Minute. Hof­fent­lich ist ihr nichts pas­siert, schoss ihm durch den Kopf. Auf­ge­regt nahm er die Spur auf, die er fix gefun­den hatte. Die Augen zusam­men­ge­knif­fen, weil der Fahrt­wind so eisig war, preschte er durch die Nacht. Schnee­be­deckte Hügel erho­ben sich vor ihm und die Fährte führte genau dort hin­ein. Was wollte Zucker­watte so weit von Zuhause weg? But­ter­creme ver­stand es nicht. Sie wusste doch, dass es um diese Zeit hier drau­ßen gefähr­lich war. Wölfe streif­ten in der Dun­kel­heit herum und bei dem Gedan­ken spornte er seine Füchse erneut an. Zwi­schen den Hügeln musste er das Tempo dros­seln, da nur noch ein schma­ler Pfad wei­ter­ging. But­ter­creme beschloss seine Laterne anzu­zün­den, damit er es hel­ler hatte. Die Hügel hatte mitt­ler­weile eine Schlucht gebil­det, in der er sich unauf­hör­lich sei­ner Freun­din näherte. Fast schon mucks­mäus­chen­still bewegte er sich mit dem Schlit­ten voran. But­ter­creme ver­nahm das leise Hecheln der Schnee­füchse, die ihn lei­den­schaft­lich vor­an­zo­gen, aber dann mit einem Mal hörte er einen Schrei, der ihm die Nacken­haare auf­stellte. Es war Zucker­watte. 
»Durch die Klamm hört sich das ver­stärkt an«, redete sich But­ter­creme ein und erhöhte das Tempo, soweit es die Enge zuließ, als ein erneu­ter Schrei erklang. Doch jetzt ver­wan­delte sich der Auf­schrei in ein Lachen und er bekam das süße Geläch­ter von Zucker­watte zu Ohren.
»Was macht sie dahin­ten?«, sprach er zu den Füch­sen, die ihn aber igno­rier­ten.
Der Weg bog ab und er sah Schat­ten an den Schlucht­wän­den, die sich beweg­ten. Er bog um die Kurve und blickte in einen klei­nen Tal­kes­sel und erkannte Zucker­watte, die sich mit jemand ver­gnügt unter­hielt. 
„Und letzt­end­lich habe ich dem Eis­bä­ren gesagt, wenn er nicht ver­schwin­det, dann werde ich ihm das Zitro­nen­eis abho­len“, sagte ein Schnee­mann zu Zucker­watte, die erneut lachte.
„Das ist wirk­lich gut“, schluchzte sie. Die Trä­nen kul­ler­ten ihr vom Lachen die Wan­gen run­ter. Sie hat­ten But­ter­creme noch nicht bemerkt, aber des­sen Ärger wuchst, schließ­lich hatte er sich Sor­gen um sie gemacht. Da saß sie jetzt und amü­sierte sich mit einem Schnee­mann. Er trug einen schwar­zen Zylin­der, hatte dunkle Knopf­au­gen und eine Karot­ten­nase, ein dicker Schal hing um sei­nen Hals, was abso­lut para­dox wirkte. 
„Zucker­watte“, rief er laut und lenkte den Schlit­ten zu ihnen. 
„Was machst du hier?“, sagte sie und klang nicht begeis­tert. Sie schien immer noch sauer auf ihn zu sein.
„Ich habe dich gesucht. Es ist schon spät und wir müs­sen nach Hause. Das Weih­nachts­fest steht an.“
„Ach wirk­lich?“ Jetzt war es unüber­hör­bar, dass sie erbost auf ihn war. Der Schnee­mann stand zwi­schen den bei­den und schaute hin und her.
„Ich weiß, dass du noch wütend auf mich bist und es tut mir unend­lich leid. Ich hätte dich nicht so anfah­ren dür­fen, an dem Tag. Es war alleine mein Feh­ler und ich will nicht das wir uns strei­ten“, flehte But­ter­creme. „Schau, ich habe das für dich gemacht“, sagte er und zog eine Kette mit einem Her­zan­hän­ger aus sei­ner Tasche. In die­sem Moment schmolz Zucker­watte dahin.
„Für mich, das ist aber schön“, sagte sie und fiel ihm um den Hals. „Dir kann man ein­fach nicht böse sein.“ Sie küsste ihn auf die Wange und But­ter­cremes Kopf lief rosa an.
„Sol­len wir jetzt nach Hause?“
„Das würde ich gerne, doch ich habe Snowy ver­spro­chen, mit ihm Weih­nach­ten zu ver­brin­gen.“
Der Schnee­mann grinste freund­lich.
„Das ist sehr gütig von dir Zucker­watte, jedoch ver­giss nicht deine Fami­lie“, mahnte But­ter­creme sanft.
„Du soll­test mit ihm nach Hause fah­ren“, brummte Snowy der Schnee­mann.
„Nein das mache ich nicht“, pro­tes­tierte Zucker­watte und stampfte mit den Füßen auf.
„Wes­halb?“, stot­terte But­ter­creme.
„Du sol­lest nicht deine Fami­lie ent­täu­schen“, gab Snowy von sich.
„Wenn meine Ange­hö­ri­gen dafür kein Ver­ständ­nis haben, dann tut es mir leid.“
„Ich komme alleine zurecht meine kleine Freun­din, du musst nicht wegen mir blei­ben.“
„Und nichts­des­to­trotz werde ich es. But­ter­creme, ent­schul­dig mich, aber ich leiste Snowy Gesell­schaft. Sei mir bitte nicht Böse.“
„Was ist den der Grund?“, wollte der Elf nun end­lich wis­sen.
„Snowy hat seine Frau ver­lo­ren“, seufzte Zucker­watte trau­rig. „An einem äußerst war­men Tag hatte sie es nicht recht­zei­tig ins Tal geschafft und sie ist in der Sonne geschmol­zen. Seit dem ist er mut­ter­see­len­al­lein und das sollte nie­mand zur Weih­nachts­zeit. Ich hörte ihn wim­mern, als ich auf der Suche nach Holz war, und fand ihn im Tal nie­der­ge­schla­gen und trüb­sin­nig.“
Dem Schnee­mann kul­ler­ten Eis­trop­fen aus den Kopf­au­gen.
„Oh ja. Ich ver­misse Schnee­flo­cke. Ihr Lachen und die schö­nen Unter­hal­tun­gen. Es war stets sor­gen­frei mit ihr, aller­dings habe ich jetzt nur noch Kum­mer. Es ist so ein­sam hier drau­ßen.“
„Siehst du But­ter­creme und eben­des­we­gen kann ich nicht mit. Es wäre eine Schande ihn alleine zurück­zu­las­sen.“
„Das ist doch alles kein Pro­blem“, beschwich­tigte er. „Wir neh­men ihn ein­fach mit zu uns und er kann mit uns Weih­nach­ten fei­ern. Der Weih­nachts­mann hat bestimmt nichts dage­gen.“
„Das ist eine präch­tige Idee“, rief Zucker­watte und sprang auf. „Aber wie trans­por­tie­ren wir Snowy? Ich meine dein Schlit­ten ist etwas klein.“
„Das ist doch keine Sache, ich gehe einen Grö­ße­ren holen und komme euch anschlie­ßend abho­len.“
Zucker­watte war abso­lut begeis­tert und bei Snowy konnte man unver­kenn­bar ein Lächeln erken­nen. But­ter­creme drehte um und besorgte ein räu­mi­ge­res Gefährt, mit dem er wenig spä­ter zurück­kam. Sie hal­fen Snowy auf den Schlit­ten und mach­ten sich auf den Weg zurück.
„Ich bin froh sol­che Freunde gefun­den zu haben, doch gibt es ein Pro­blem“, sagte der Schnee­mann.
„Was für ein Pro­blem?“ Zucker­watte schaute zu ihrem eis­kal­ten Freund auf.
„Ich kann nicht mit euch fei­ern, da ich in eurem Haus sofort schmelze von der Wärme.“
Sor­gen­fal­ten husch­ten über Zucker­wat­tes Gesicht.
„Mein kal­ter Freund mach dir dar­über keine Sor­gen“, sagte But­ter­creme und lenkte in die­sem Moment den Schlit­ten in den Innen­hof des Hau­ses. 
Der Weih­nachts­mann, seine Frau und alle Elfen stan­den dort. Es war reich­hal­tig geschmückt mit bun­ten Kugeln, Gier­lan­den, far­bige Schlei­fen und jeg­li­ches Zeug, was es an Weih­nach­ten noch gab. Sie hat­ten Tische und Bänke auf­ge­stellt, leckere Bra­ten, damp­fende Kar­tof­feln, Gemüse, Vanil­le­pud­ding, an dem lang­sam die rote Grütze hin­ab­lief und jede Menge Köst­lich­kei­ten deck­ten die Tafel. In der Mitte des Hofes erstrahlte ein fan­tas­ti­scher Tan­ne­baum, des­sen Spitze man mit zuge­knif­fe­nen Augen noch ebenso sehen konnte. Er war hell erleuch­tet und die Weih­nachts­ku­geln spie­gel­ten den Glanz der Fest­lich­keit wie­der. Jeder jubel­ten „Frohe Weih­nach­ten!“, als But­ter­creme, Zucker­watte und beson­ders Snowy, denn für ihn war die Feier arran­giert wor­den. Selbst­ver­ständ­lich war den Elfen bewusst gewe­sen, dass die Weih­nachts­feier nur in der Kälte statt­fin­den konnte und prompt wurde sie nach drau­ßen ver­legt.
But­ter­creme war in die­sem Fall der Rädels­füh­rer, als er zurück­fuhr, lei­tete er all dies in die Wege. Er hatte dem Weih­nachts­mann von Snowy berich­tet und der war sofort damit ein­ver­stan­den, dass er zum Fest kom­men durfte.
Der Schnee­mann war über­wäl­tigt von solch einer Anteil­nahme, das ihm erneut Eis­trop­fen aus den Knopf­au­gen fie­len.
„Das ist so wun­der­schön“, sagte er völ­lig gerührt. 
„Wie Zucker­watte schon sagte. Nie­mand sollte an Weih­nach­ten alleine sein.“ 
„Vie­len Dank!“
Sie fei­er­ten an die­sem Abend ein zau­ber­haf­tes Weih­nachts­fest. Eine Musik­ka­pelle spielte fröh­li­che Weih­nachts­mu­sik und jeder tanzte dazu. But­ter­creme mit Zucker­watte, der Weih­nachts­mann mit sei­ner Frau und Snowy irgend­wie mit allen. Sie lach­ten viel und freu­ten sich am Leben. Snowy hatte seine Frau ver­lo­ren und das machte ihn trau­rig, aber an die­sem Hei­li­gen Abend hatte er eine neue Fami­lie bekom­men, die ihn für ein paar Stun­den ablenk­ten und dafür war er ewig dank­bar.