Zurück in die Vergangenheit

Das laut­starke Gerede endete, als die Jury in den Gericht­saal ein­trat, um das Urteil zu ver­kün­den. Wal­ter Herr­mann saß mit nichts­sa­gend Augen neben sei­nem Ver­tei­di­ger. Der hatte ihm zu Anfang ein­ge­räumt, dass die Chan­cen auf einen Frei­spruch gleich null stan­den. Wal­ter Herr­mann hatte das Ver­bre­chen gestan­den und es küm­merte ihn mar­gi­nal, was der, in sei­nem Fall, Pflicht­ver­tei­di­ger sagte. Er war letzt­lich ein Drecks­im­mi­grant und mit der­lei Pack wollte er nichts gemein haben. Es war so oder so eine Farce, dass sie ihm einen sol­chen Rechts­bei­stand stell­ten. Wo er doch ein Haus ange­zün­det hatte, wo eine ganze Immi­gran­ten­horde gelebt hatte. Zwölf Men­schen kamen bei dem hin­ter­häl­ti­gen Anschlag ums Leben. Aber das juckte Wal­ter kei­nen Deut. Er hatte die­sen Dienst für das Volk getan und es machte ihn sicht­lich Stolz. Mit hoch­er­ho­be­nem Kopf lauschte er dem Urteil, dass der Rich­ter soeben von der Jury in die hand­ge­drückt bekom­men hatte. Kon­zen­triert schaute der Rich­ter auf den Zet­tel und nickte im Anschluss daran dem Gerichts­die­ner zu.
„Bitte erhe­ben sie sich zum Urteil“, rief der Gerichts­die­ner.
Der Gericht­saal erhob sich.
„Herr Wal­ter Herr­mann ange­klagt wegen zwölf­fa­chen Mor­des wird für schul­dig bekannt. Da in die­sem Fall eine beson­dere schwere vor­liegt und bei dem Ange­klag­ten kei­nen Fun­ken von Reue zu erken­nen ist, wird er in das Jahr 1940 zurück­ge­schickt. Er wird eine Häft­lings­num­mer auf dem Arm täto­wiert bekom­men und soll sich in Ber­lin wie­der­fin­den. Haben sie etwas zu sagen?“ 
Der Rich­ter schaute Wal­ter über den Bril­len­rand an.
„Ich bin stolz auf das, was ich getan habe und auf mein Vater­land. Sieg Heil!“, brüllte Wal­ter.
„Na da hat ja einer flei­ßig geübt. Da sind wir ein­mal gespannt, ob es in ihrem heiß ersehn­ten Vater­land wahr­haf­tig nach ihrem Kopf geht. Füh­ren sie ihn ab.“
Zwei Gerichts­wa­chen kamen zu dem Ver­ur­teil­ten und nah­men ihn mit.

Im Jahr 2078 war solch ein Urteil die Höchst­strafe und wurde nur ver­ein­zelt ver­hängt, da die Kri­mi­na­li­tät bei wei­tem nicht mehr so hoch war, wie um die 2000er.
Im Jahr 2054 hatte die Wis­sen­schaft es geschafft Zeit­rei­sen zu ermög­li­chen und die Regie­rung eig­nete sich diese Tech­nik an, um Ver­bre­cher in der Zeit zurück­zu­schi­cken. So nahm mit den Jah­ren die Kri­mi­na­li­tät ab. Dem­zu­folge sank die Kri­mi­na­li­täts­rate von anfangs 23% auf unter 3%. Aber es gab immer wie­der Aus­rei­ßer und in dem Fall war es Wal­ter Herr­mann, der von Geburt an jeder­zeit ein­ge­häm­mert bekam, was für ein Dreck­s­pack die Aus­län­der waren. Irgend­wann brannte sich die­ses Bild in den Schä­del ein und es gab bloß einen Feind. Jah­re­lange hatte er das Atten­tat auf das Immi­gran­ten­heim geplant und am 9. Novem­ber 2077 zün­dete er das Gebäude an. Mit einem zufrie­de­nen Gesichts­aus­druck ver­nahm er das Gekrei­sche der Ver­bren­nen­den. 
Nein Wal­ter Herr­mann war kein Gut­mensch und er erhielt die gerechte Strafe. Er wurde von den Wachen sofort in den Zeit­tun­nel gebracht. So nann­ten sie den Gang zur Zeit­ma­schine. Vor einer ver­schlos­se­nen Tür stand ein Tisch­chen, auf dem eine Häft­lings­uni­form lag. Ein Davids­stern, bei dem, das hin­tere Drei­eck gelb und das for­dere grün, war auf die Uni­form genäht. 
„Zieh das an!“, befahl der Wach­mann.
Wal­ter Herr­mann zog die Uni­form an und mit einem Mal fühlte er sich sicht­bar unwohl.
„Arme aus­stre­cken!“
Er hielt die Arme hin und der Gerichts­die­ner fuhr ihm mit einer Art Scan­ner dar­über. Eine sechs­stel­lige Num­mer 200114 war nun auf einen Arm täto­wiert.
„Bitte gehen sie durch diese Tür“, sagte der Beamte zu Wal­ter, der leicht zit­terte.
„Ihr wer­det alle unter­ge­hen“, flüs­terte er vol­ler Hass.
„Aber bis dahin gehen sie bitte durch diese Tür. Sie sind ab heute Geschichte.“
Wal­ter trat durch die Tür und ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er das Bewusst­sein wie­der fand, bemerkte er das er auf einem Geh­steig lag. Für einen Moment war abso­lute Stille, die indes jäh von dem Brum­men eines Mer­ce­des Prit­schen­wa­gen gebro­chen wurde. Wal­ter hatte keine Zeit sich umzu­schauen, denn sofort hielt das Auto und zwei Wehr­machts­sol­da­ten spran­gen ab.
„Was hast du hier zu suchen?“, brüllte der eine ihn an.
Wal­ter war zu benom­men, als das er direkt Ant­wort geben konnte. 
„Ant­worte gefäl­ligst du Juden­sau!“, schrie der Sol­dat.
„Iiiich …“, stot­terte Wal­ter.
„Hans ich glaube, wir haben es hier mit einem Flücht­ling zu tun. Und weißt du was wir mit sol­chen Juden machen?“, rich­tete er sich an Wal­ter.
Panisch schüt­telte er den Kopf zu Ver­nei­nung, und bevor er sich äußern konnte, hatte er den Gewehr­knauf im Gesicht. Er sackte wie betäubt zusam­men. Die Land­ser war­fen ihn auf die Prit­sche und fuh­ren weg. Als er zum zwei­ten Mal an die­sem Tag zu sich kam, stand der Wagen in einem Wald. Die Wehr­machts­sol­da­ten saßen neben ihm und inha­lier­ten eine Ziga­rette.
„Schau mal Hans, wer da zu sich kommt.“
Beide blick­ten zu ihm hinab. 
„Ich bin auf eurer Seite“, stot­terte Wal­ter.
„Er ist auf unse­rer Seite. Hör sich das einer an.“
Die Sol­da­ten bra­chen in lau­tes Geläch­ter aus.
„Ein Jude und Hit­ler­freund. Du hast einen komi­schen Geschmack Itzig.“
„Ich bin kein Jude!“
„Da spricht der Stern auf dei­ner Häft­lings­uni­form aber klar dage­gen.“
„Nein ich bin Deut­scher. Sieg heil!“
„Jetzt reicht es aber“, sagte Hans und schlug Wal­ter die fla­che Hand ins Gesicht. Er fiel auf die Seite und ihm wurde bewusst, dass sie ihm nie­mals glau­ben schen­ken.
„Ich bin wirk­lich Deut­scher“, ver­suchte er es trotz­dem zum wie­der­hol­ten Male.
„Jetzt ist Schluss. Ein Jude, der behaup­tet Deut­scher zu sein ist, Fre­vel und hier­für gibt es 
nur eine Strafe.“
Der Sol­dat zog ein Mes­ser raus. „Zieh ihm die Zunge aus dem Mund“, sagte er zu Hans. Wal­ter ver­suchte sich mit aller Kraft zu weh­ren, doch ver­ge­bens. Sie schnit­ten ihm die Zunge ab und Wal­ter schwan­den die Sinne vor Schmer­zen. Wie weit ent­fernt, hörte er auf ein­mal Sire­nen und wie sich die bei­den unter­hiel­ten.
„Mist wir müs­sen zurück!“
„Was machen wir mit ihm?“
„Den schmei­ßen wir run­ter. Kön­nen ihn so oder so nicht gebrau­chen.“
„Und was wenn er über­lebt?“
„Schau dir nur an, wie der blu­tet. Der über­lebt nie, und wenn viel Reden kann, er nicht.“
Die bei­den lach­ten laut, als sie Wal­ter vom Prit­schen­wa­gen war­fen und schleu­nigst weg fuh­ren. Wal­ter spürte Leere.
Wärme und Stille umschlos­sen ihn. Als er die Augen auf­schlug, befand er sich zur Ver­wun­de­rung in einem Bett.
„Ich habe geträumt“, war der erste Gedanke, doch die Schmer­zen im Mund und die feh­lende Zunge, hol­ten ihn in die Rea­li­tät zurück.
„Nicht bewe­gen du musst dich aus­ru­hen. Die Sol­da­ten haben dich ganz schön zuge­rich­tet“, sagte eine Frau, die im Halb­dun­keln des Zim­mers stand, so dass Wal­ter sie alles andere als erken­nen konnte. Er ver­suchte etwas zu sagen, aber es kam nur ver­ständ­nis­lo­ses Gel­alle her­aus und das Lei­den im Mund hielt erneut ein.
„Schlaf ein­we­nig“, sprach sie und er tat, wie ihm gehei­ßen wurde.
Die fol­gen­den Wochen ver­brachte er im Bett und lernte nach und nach die Bewoh­ner des Hau­ses ken­nen. Maria, Jacob und Samuel waren eine kleine Fami­lie, die sich eben­falls vor der Wehr­macht zurück­ge­zo­gen hatte, da Jacob Jude war. Sie leb­ten in einer Wald­hütte, die bis jetzt nicht erspäht wor­den war. Zu Wal­ters Glück war Jacob Arzt und er ver­sorgte ihn ange­mes­sen. Drau­ßen in der Wild­nis hätte der Sen­sen­mann längst die Sense geschwun­gen und ihn geholt. Die Fami­lie küm­merte sich rüh­rend um Wal­ter und ihm trieb es bei so viel Mit­ge­fühl die Trä­nen in die Augen. Noch nie in sei­nem Leben hatte er erlebt das sich Men­schen gegen­sei­tig so ein­setz­ten, ohne etwas im Aus­tausch zu ver­lan­gen. Lie­be­voll pfleg­ten sie ihn und brach­ten trotz ihrer nach­tei­li­gen Situa­tion immer ein Lächeln her­vor. Obwohl er in den Bli­cken die Angst erkannte, ent­deckt zu wer­den. Jedes Mal wenn sie ein Motor­ge­räusch ver­nah­men, kro­chen sie in einen Klei­der­schrank und such­ten Schutz. Da Wal­ter bis dato nicht gut lau­fen konnte, war­fen sie ihm eine Decke über, so dass er kei­nes­falls direkt gese­hen wurde. Spä­ter als es ihm bes­ser ging, nah­men sie ihn mit in den Schrank. Doch zum Glück fuh­ren die Autos stets vor­bei. Bis an die­sem einen Tag. Wie­der ein­mal hör­ten sie einen Motor, der sich näherte, bloß dass die­ses Auto bei­leibe vor der Wald­hütte hielt.
Die Tür brach auf und Wehr­machts­sol­da­ten stampf­ten hin­ein. Wal­ter lauschte dem ver­hal­ten Wei­nen von Samuel. Maria ver­suchte ihren Sohn zu beru­hi­gen, wäh­rend die Sol­da­ten immer mehr die Hütte ver­wüs­te­ten. Wal­ter wurde klar, dass die Sol­da­ten sie bald ent­deck­ten. Er blickte in die ver­ängs­tig­ten Gesich­ter der Fami­lie und er emp­fand etwas, dass er zuvor noch nie ver­nom­men hatte. Mit­ge­fühl.
Sofort dran­gen ihm die Bil­der der Immi­gran­ten in den Kopf, die er ver­brannt hatte und Trä­nen flos­sen ihm die Wange hin­un­ter. Er ver­stand es und nur eines blieb ihm jetzt übrig. Als er durch einen Tür­spalt erkannte, dass die Wehr­machts­sol­da­ten in das Zim­mer kamen, flog er ohne Vor­an­kün­di­gung aus dem Schrank und lief schrei­end auf sie zu. Die Schrank­tü­ren hatte er mit der­ar­ti­ger Wucht auf­ge­sto­ßen, dass sie von selbst wie­der zuschlu­gen. Die Sol­da­ten fackel­ten nicht lange und durch­sieb­ten ihn mit ihren Maschi­nen­ge­weh­ren. Er hatte die Fami­lie geret­tet. Denn die Land­ser hat­ten solch einen Schock erlit­ten, als Wal­ter aus dem Klei­der­schrank sprang, dass sie ihn für den Ein­zi­gen hiel­ten, der in die­ser Hütte war.
In dem Moment als Wal­ter starb, wurde ihm bewusst, dass im End­ef­fekt jeder Mensch auf Erden gleich ist und das ganz beson­ders im Augen­blick des Todes. Er fand damit geläu­tert sei­nen Frieden.